Rumpelsophie

Geschichten vom Leben


 

Kurschatten

 

Ich mag sie, die alte Dame. Zwei, drei mal am Tag laufen wir uns über den Weg und dann lächeln wir uns an.

Sie hat so etwas warmes in den kleinen, braunen Knopfaugen, etwas das mich fast dazu drängt auf sie zuzugehen und sie zu umarmen, feste, ohne jedoch die alten Knochen zu sehr zu drücken.

Sie sieht so sehr danach aus die alte Dame, dass sie ganz genau das jetzt brauchen könnte.

Eine dicke, feste, herzliche Umarmung.

Ich trau mich aber nicht. Wir kennen uns ja schließlich nicht, wir laufen uns nur ein paar mal am Tag über den Weg und dann lächeln wir uns an.

Irgendwann ging ich beim nächsten mal nicht einfach an den lächelnden Knopfaugen vorbei, sondern hängte dem Lächeln den Wunsch nach einem wundervollen Tag an und die banale Feststellung, dass Helios wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist und ob sie jetzt auch die Wärme des selbigen genießen gehen wird.

Worauf die grande Dame stehen blieb und das Lächeln von den Mundwinkeln, hoch in die Augen wanderte, dort zu glänzen anfing und mit einem Lächeln ließ sie sich auf Helios und seine Sonnenstrahlen ein.

Wir plänkelten so dahin und nebenbei verließen wir die heiligen Hallen des Kurhauses und wandelten, gemächlichen Fußes durch den kahlen Kurgarten.

So erfuhr ich nebenbei, dass die lächelnden Knopfaugen zu Paula gehörten und das Paula in absehbarer Zeit die 80 knacken würde – und ich zick immer rum, wenn ich an die herannahende 50 denke.

Da lacht Paula, dass sich das nie ändern wird und irgendwann steckt man mit seinem, hoffentlich noch kraftvollem Geist in einem alten Körper und muss lernen mit den neu gesetzten Grenzen, die so ein Körper immer wieder aufzeigt und neu kalibriert, umzugehen.

Aber da haben Sie ja noch ein wenig Zeit, meint Paula, ab 60 wird das nämlich erst so richtig bunt.

An die 60 und ihre Folgen will ich noch gar nicht denken, ich bin ja schon voll auf mit dem Mittelalter beschäftigt und Paula ist so nett und macht den Schwenk vom alten Körper zum zurückkehrenden Frühling mit, wofür ich ihr wirklich dankbar bin.

 

 

Diese ersten Sonnenstrahlen, waren uns Beiden ein Hochgenuss. Ein unverhoffter Hauch von Sommer war das, Morgentau auf lindgrünem Gras, die Gewissheit das früher oder später die Kälte dem herannahendem Frühling weichen musste, machte unser beider Herz ein ganzes Stück leichter.

Unter der kahlen, knorzigen Eiche blieben wir stehen und versuchten zu erraten, welche Berühmtheit sich hinter der Bronzestatue versteckte, die ein Philipp Sadler wohlmeinend gestiftet hatte.

Wir fanden aber keinen Anhaltspunkt, weshalb wir aus dem unbekanntem Kopf einfach Goethe machten, nur weil uns der Gedanke gefiel, Goethe würde Frauenpalaver lauschen – wogegen sich jener garantiert mit Händen und Füßen gewehrt hätte, aber was will man schon zwei Frauen mit insgesamt 122 Jahren auf dem Buckel entgegen halten? Eben, Goethe schwieg wohl weislich und wir kicherten wie junge Backfische.

 

Sonst war es so, dass ich mich fürchtete, wenn die Menschen von „Früher“ begannen. Entweder fanden sie früher alles besser und schimpften auf die neue, schlechte Zeit,

oder sie fanden, früher war alles viel schlimmer und sie trugen dieses „Schlimmer“ als Rechtfertigung für ihre Grobheit, Rücksichtslosigkeit vor sich her.

Deshalb hielt ich für einen Augenblick die Luft an, als Paula mit „Früher „ begann. Sie begann aber gar keine Litanei, weder in die eine Richtung noch in die andere Richtung.

Sie saß da neben mir auf der Bänke, während Goethe bronzeköpfern in unsere Rücken starrte und fing einfach an Geschichten zu erzählen.

Wie sie als kleines Mädchen, mit ihrer Mutter auf die Felder ging und wie sie da eines Tages entzückt und mit offenem Mund in der Frühlingswiese ein Flugzeug, dass allererste in ihrem Leben beobachtete – und wie ihr Entzücken immer größer wurde, als das Flugzeug begann einen großen Kreis zu fliegen und dann nochmals eine große Acht in diesen großen Kreis malte.

Und dann die erstaunliche Erkenntnis, dass sich die Mutter über dieses malende Flugzeug nicht freute, sondern in schiere Panik geriet – mei Mädel, nimm die Beine in die Hand – und wie sie atemlos den ganzen Waldweg zurück nach Hause hetzten.

Paula sieht mich an und für einen kleinen Augenblick, ist dieses kleine Mädchen von damals, ganz deutlich zu erkennen, die Augen blitzen und die Wangen sind leicht gerötet.

Ich versuch mir das gerade vorzustellen, wie man voller Schrecken nach Hause hetzt, bevor die Jagdflieger begannen kurz hinter einem kleinen schwäbischen Dorf ihre übergebliebenen Bomben loszuwerden, um ohne Last den Heimflug zurück über den Atlantik antreten zu können.

Die wilde Acht war das, sagt Paula. Heute weiß sie das und wird es ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen.Wir sind die wilde Acht und kommen Tag und Nacht.

Blöder Spruch, sagt Paula, aber damals war der in aller Munde und auch Paula hatte nach diesem ersten Erlebnis einen heiden Respekt vor der Acht.

Irgendwie scheint es, als wäre ein kleiner Damm gebrochen und Paula erzählt weiter

von ihrem windschiefem Haus, das damals außerhalb des Ortes, unten in der Kling, lag.

Kein Wasser, kein Strom und die Toilette war ein Plumsklosett knapp 20m vom Haus entfernt. Eines Tages kamen die amerikanischen Soldaten und quartierten sich dort ein. Ich weiß das noch, wie heute, meint Paula, die haben mir schwer imponiert, mit ihrer Sprache und ihrer Art, aber vor allen Dingen mit Kaugummi und Schokolade.

Da stand ich kleiner Pimpf, mit einem schwarzen Wuschelkopf und war hin und weg als mir ein Soldat ein Täfelchen Schokolade in die Hand drückte und wie ich mich umdrehe, um diesen Schatz in meiner Mauke zu verstauen, steht da ein riesengroßer schwarzer Mann vor mir, mit einem tiefen, Lachen und blitzend weißen Zähnen, in einem runden, rabenschwarzen Gesicht.

Mit offenem Mund stand ich da und mir fiel sogar die Schokolade aus den Händen, weil

ich nur noch wissen wollte: Wie um alles in der Welt, kommt der große Mohr aus meinem Bilderbuch hier her.

Heute kann man sich das kaum mehr vorstellen, ein kleines Bedauern, macht sich in Paulas Augen breit, aber damals, als die Welt noch klein und spätestens in der nächsten größeren Stadt endete, da war das schon etwas ganz unglaubliches.

Der Wandel der Zeit und auf einmal steht man da, alles fühlt sich an, als wäre es Gestern gewesen, selbst die Gerüche sind wieder da und der Geist entsinnt sich an all die kleinen Freuden und Traurigkeiten. So vieles woran man schon lange nicht mehr dachte, taucht wieder auf und fordert die Wehmut und die Nostalgie, die Erinnerung, die Zeit und all die Menschen die mal mehr oder weniger begleitet haben und dann vor allen Dingen, all die Menschen deren Zeit vor einem selbst abgelaufen ist –

Ach Paula, seufze ich, ich bin doch so ein Feigling und vor dieser Endlichkeit drück ich mich doch noch lieber für ein paar Jährchen

Ist schon gut, Liebes und Paula streicht sanft über meine Hand, Feiglinge sind wir doch alle, zumindest so lange bis das Unausweichliche vor uns steht.

Da sehen wir uns tief in die Augen und dann umarmen wir uns, herzlich, dick und warm und für einen Moment frag ich mich, ob Paula wohl das selbe gedacht hatte, wie ich, als wir uns das erste mal sahen und lächelten.

 

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